Copilot Studio Computer Use vs. UiPath: Braucht Ihr Betrieb noch klassische RPA?
Computer Use steuert Oberflächen per Bilderkennung. Was Microsoft zu Erfolgsquote und Kosten dokumentiert, und wann klassische RPA die bessere Wahl bleibt.

Microsoft bewirbt Computer Use in Copilot Studio als Automatisierung ohne Schnittstelle und ohne Code: Der Agent sieht den Bildschirm und klickt selbst. Wer gerade UiPath-Lizenzen verlängert oder Desktop Flows plant, fragt sich zu Recht, ob klassische RPA damit überflüssig wird. Die Antwort steht in Microsofts eigener Dokumentation, und sie fällt nüchterner aus als die Ankündigung.
Was macht Copilot Studio Computer Use anders als ein klassischer RPA-Roboter?
Computer Use steuert Oberflächen über Bilderkennung und Reasoning, klassische RPA über fest hinterlegte Selektoren. Ein UiPath- oder Power-Automate-Roboter merkt sich, wo ein Feld liegt und wie es heißt. Computer Use schaut bei jedem Schritt neu auf den Bildschirm und entscheidet dann, wohin es klickt.
Microsoft beschreibt dafür eine Schleife aus drei Schritten: Wahrnehmung über Screenshots, Bewertung des aktuellen Zustands, dann die Aktion aus Klick, Tastatureingabe oder Scrollen (FAQ for the computer use tool, Microsoft Learn). Als Modell stehen laut Produktdokumentation der Computer-Using Agent von OpenAI und Claude Sonnet 4.5 von Anthropic allgemein verfügbar zur Auswahl, Claude Sonnet 4.6 und Claude Opus 4.6 sind als experimentell gekennzeichnet (Automate web and desktop apps with computer use, Microsoft Learn). Voraussetzung ist ein Agent mit generativer Orchestrierung.
Der Unterschied klingt akademisch, hat aber eine praktische Folge. Ein Selektor bricht, wenn sich die Maske ändert. Ein Modell, das jedes Mal neu hinsieht, bricht nicht, es entscheidet nur jedes Mal neu. Das ist ein Gewinn, wenn sich die Oberfläche häufig ändert, und ein Risiko, wenn das Ergebnis reproduzierbar sein muss. Die vorgelagerte Frage bleibt ohnehin dieselbe, unabhängig vom Werkzeug: ob wirklich keine Schnittstelle existiert.
Wie zuverlässig ist Computer Use heute wirklich?
Microsoft nennt in der Dokumentation zwei Trefferquoten: rund 80 Prozent Erfolg bei webbasierten Aufgaben und rund 35 Prozent bei Desktop-Anwendungen (FAQ for the computer use tool, Microsoft Learn). Im Klartext heißt das: Bei Desktop-Software scheitern nach Herstellerangabe rund zwei von drei Läufen.
Der Hersteller listet die Grenzen ungewöhnlich offen auf. Dieselbe Aufgabe kann je nach Timing oder Darstellung unterschiedlich ausgehen. Dropdowns, Datumsauswahl und eigengebaute Bedienelemente bereiten Probleme. Der Agent kann in Schleifen laufen oder hängen bleiben, wenn der Bildschirm nicht zu seiner Erwartung passt. Für Finanztransaktionen sowie für bewertende Entscheidungen in Personal, Gesundheit und Finanzen ist das Werkzeug ausdrücklich nicht vorgesehen.
Dazu kommt ein Risiko, das klassische RPA nicht kennt. Weil das Modell den Bildschirminhalt liest, kann es durch versteckte Anweisungen in Webseiten oder Dokumenten manipuliert werden. Microsoft nennt das Prompt Injection und stellt gleichzeitig klar, dass die eingebaute menschliche Freigabe kein Sicherheitsnetz ist. Die Rückfrage an einen Menschen wird von einem probabilistischen Modell ausgelöst und kommt nicht garantiert dann, wenn ein Mensch sie erwarten würde.
Was kostet Computer Use im Vergleich zu Power Automate und UiPath?
Computer Use rechnet pro Schritt ab, nicht pro Roboter und nicht pro Nutzer. Jeder Schritt kostet 5 Copilot Credits, mit einem Premium-Modell 15 Copilot Credits (Automate web and desktop apps with computer use, Microsoft Learn). Microsoft rechnet selbst ein Beispiel vor: Ein Lauf, der einen Stundenzettel ausfüllt und aus vier Schritten besteht, verbraucht 20 Credits, mit Premium-Modell 60.
Das lässt sich hochrechnen. Ein Capacity Pack umfasst 25.000 Copilot Credits pro Monat (Copilot Studio prepaid capacity packs, Microsoft Learn). Bei einem Ablauf mit 20 Schritten und Standardmodell sind das 100 Credits je Lauf, also rund 250 Läufe im Monat aus einem Pack. Nicht verbrauchte Kapazität verfällt zum Monatsende und wird nicht übertragen (FAQ for Copilot Studio billing and licensing, Microsoft Learn). In seiner Azure-Dokumentation zu Vorauszahlungsplänen rechnet Microsoft beispielhaft mit 0,01 US-Dollar je Copilot Credit (Optimize Copilot Credit costs with a pre-purchase plan, Microsoft Learn). Das ist eine Rechenannahme aus einem Dokumentationsbeispiel, keine Preisliste, taugt aber als Größenordnung: Der Lauf mit 20 Schritten läge bei etwa einem Dollar.
Die drei Abrechnungsmodelle nebeneinander:
- Power Automate Premium, 15 US-Dollar je Nutzer und Monat: beaufsichtigte Desktop Flows auf der eigenen Maschine, Premium-Connectoren, Registrierung der Maschine. Fester Preis, unabhängig davon, wie viele Klicks der Roboter macht.
- Power Automate Process, 150 US-Dollar je Bot und Monat: unbeaufsichtigte Läufe. Eine Lizenz je Maschine, zusätzliche Lizenzen nur für parallele Ausführung.
- Computer Use, 5 beziehungsweise 15 Copilot Credits je Schritt: kein Bot-Preis, dafür verbrauchsabhängig. Die Kosten wachsen mit jedem einzelnen Klick, den das Modell tätigt.
Die Preisangaben zu Power Automate stammen aus den Microsoft-Lizenz-FAQ (Power Platform licensing FAQs, Microsoft Learn), die Regel einer Process-Lizenz je Maschine aus den Lizenz-FAQ zu Power Automate (Power Automate licensing FAQ, Microsoft Learn). Wie Premium und Process im Alltag zusammenspielen, steht ausführlich in unserem Beitrag zu den Kosten von Power Automate Premium und Premium-Connectoren. Was Copilot Credits sind und woher sie kommen, haben wir bei der Umstellung der AI Builder Credits beschrieben.
Die Kostenkurve dreht sich damit um. Klassische RPA ist im Einstieg teuer und im Volumen günstig, weil der Bot-Preis fest ist. Computer Use ist im Einstieg günstig und im Volumen teuer, weil jeder Schritt zählt. Wer eine Aufgabe einmal pro Woche automatisiert, rechnet anders als wer sie zweihundertmal am Tag ausführt.
Wann bleibt klassische RPA die richtige Wahl?
Klassische RPA bleibt gesetzt, wenn derselbe Ablauf oft, unbeaufsichtigt und mit vorhersagbarem Ergebnis laufen muss. Vier Fälle aus der Praxis:
- Hohes Volumen bei gleichbleibendem Ablauf: Ein deterministischer Roboter kostet bei tausend Läufen dasselbe wie bei zehn. Ein schrittbasierter Verbrauchspreis nicht.
- Desktop-Anwendungen und Terminalmasken: Bei rund 35 Prozent dokumentierter Erfolgsquote trägt Computer Use in Warenwirtschaft, ERP-Masken oder Citrix-Sitzungen heute keinen Produktivbetrieb.
- Nachweispflichtige Abläufe: Wo ein Prüfer sehen muss, dass jeder Vorgang identisch behandelt wurde, ist ein fest verdrahteter Pfad das bessere Argument als ein Modell, das jedes Mal neu entscheidet.
- Nächtliche Stapelverarbeitung: Unbeaufsichtigte Desktop Flows melden sich selbst an der Maschine an, arbeiten die Warteschlange ab und melden sich wieder ab. Ein eingespieltes Muster mit klarer Lizenzlogik.
Umgekehrt spielt Computer Use seine Stärke dort aus, wo klassische RPA teuer wird: bei seltenen Aufgaben, die den Aufwand einer gebauten Automatisierung nicht rechtfertigen, bei Weboberflächen, die sich ständig ändern, und bei der schnellen Erkundung, ob ein Prozess überhaupt automatisierbar ist. Für den dauerhaften Betrieb an Altsystemen ohne Schnittstelle bleibt eine klassische RPA-Plattform wie UiPath das robustere Werkzeug.
Wie wir die Entscheidung in Projekten treffen
Wir prüfen vier Fragen in dieser Reihenfolge, bevor überhaupt ein Werkzeug auf den Tisch kommt. Erstens: Gibt es eine Schnittstelle? Wenn ja, fällt die ganze Diskussion weg. Zweitens: Wie oft läuft der Prozess? Daraus ergibt sich, ob ein fester Bot-Preis oder ein Verbrauchspreis günstiger ist. Drittens: Web oder Desktop? Die dokumentierte Erfolgsquote unterscheidet sich um mehr als den Faktor zwei. Viertens: Was passiert, wenn ein Schritt danebengeht? Bei einer Buchung im Rechnungswesen ist die Antwort eine andere als bei einer Recherche im Lieferantenportal.
Zur Ehrlichkeit gehört die dünne Faktenlage. Die beiden Erfolgsquoten stammen vom Hersteller selbst, ohne offengelegte Messmethode und ohne Angabe, welche Aufgaben getestet wurden. Wesentliche Bausteine sind außerdem noch nicht fertig. Der gehostete Browser und der Cloud-PC-Pool sind als Vorschau gekennzeichnet und laut Dokumentation nicht für den Produktivbetrieb empfohlen (Configure where computer use runs, Microsoft Learn), ebenso der eigenständige, wiederverwendbare Computer-Use-Baustein (Add standalone computer use tools, Microsoft Learn). Unabhängige Vergleichsmessungen für typische Mittelstandsprozesse gibt es bislang nicht. Wer heute komplett umstellt, tut das ohne belastbare Vergleichsbasis.
Häufige Fragen zu Computer Use und klassischer RPA
Ersetzt Copilot Studio Computer Use UiPath?
Heute nicht. Für webbasierte Aufgaben mit geringem Volumen ist Computer Use eine ernsthafte Alternative. Für unbeaufsichtigte Massenverarbeitung in Desktop-Anwendungen liegt die vom Hersteller genannte Erfolgsquote bei rund 35 Prozent, und das trägt keinen Produktivbetrieb.
Welche Lizenz brauche ich für Computer Use?
Die Ausführung wird über Copilot Credits abgerechnet, 5 je Schritt beim Standardmodell und 15 beim Premium-Modell. Dazu kommt eine Windows-Maschine: Wer eigene Rechner nutzt, installiert Power Automate for desktop ab Version 2.61.132.25266 und schaltet die Maschine für Computer Use frei.
Ist Computer Use produktionsreif?
Das Werkzeug selbst ist verfügbar, mehrere Bausteine darum herum nicht. Der gehostete Browser und der Cloud-PC-Pool sind Vorschaufunktionen, die Microsoft ausdrücklich nicht für den Produktivbetrieb empfiehlt, ebenso der eigenständige, wiederverwendbare Computer-Use-Baustein.
Was kostet ein einzelner Computer-Use-Lauf?
Das hängt allein von der Zahl der Schritte ab. Microsofts eigenes Beispiel mit vier Schritten kostet 20 Copilot Credits. Ein Ablauf mit 20 Schritten kostet 100 Credits, aus einem Capacity Pack mit 25.000 Credits pro Monat werden damit rund 250 Läufe.
Wie sicher ist es, ein Modell den Bildschirm bedienen zu lassen?
Es braucht Absicherung auf Systemebene. Weil das Modell Bildschirminhalte liest, kann es durch versteckte Anweisungen manipuliert werden. Microsoft empfiehlt dedizierte Maschinen, Konten mit minimalen Rechten und Positivlisten für erlaubte Anwendungen und Webseiten. Die menschliche Freigabe ist laut Hersteller kein Sicherheitsnetz.
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